arabeserk & nett
Ach Plan, Ach Sachzwang.
Bored in Beirut

Oder im Libanon liegen

So kam mir also die Idee, nach Beirut zu gehen. Weil es mir bei Ruth schon immer gut gefallen hat. Und auch: Um meine während Monaten im Studierzimmer gepaukten Arabischvokabeln an lebenden Exemplaren zu probieren. Ob das wirklich je gut herauskommen konnte, lesen Sie auf dieser Seite.

Tag 1: Landen im Libanon
Larnaca - Beirut. Von Zypern, wo der Ferienflieger die Ferienflieger absetzte, ist es nur noch ein Sprung bis nach Beirut. Das Flugzeug hebt ab und steigt, aber kaum ist es in der Luft, beginnt es schon wieder zu sinken. Trotz der kurzen Flugzeit pflegt man in Beirut noch zu applaudieren, wenn der Flieger sicher landet. Vielleicht hat das aber auch mit der zypriotischen Airline zu tun. Der Flughafentaxi-Chauffeur, der mich zur exorbitanten Taxe in die Stadt fährt, verliert keine Sekunde, um mich voller Vorfreude strahlend zu fragen, ob ich ihn denn auch "tippen" werde. Während der ganzen Fahrzeit jammert er fröhlich weiter und versucht mehrmals die Höhe des ihm zustehenden Tips zu erraten. Als ich ihm aber am Zielort eine Tausendernote geben will, ist ihm das zuwenig. Jänu, hat er halt sein Backschisch gehabt. Welcome to Beirut.
Gepostet von kalb 12:21:31 26.09.2005;
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Tag 2: Meuchelmücken und Bomben
Ist die Gepflogenheit der Rache im Nahen Osten vielleicht so ausgeprägt, weil man nachts von Mücken um den Schlaf gebracht wird? Gross ist jedenfalls die Erleichterung, welche einem das morgendliche Killen des kleinen Schlafräubers verschafft. Schön ist auch der Kontrast des blutroten Flecks mit dem Weiss der Wand. Was könnte schöner als Töten sein?
Die Beiruter versuchen ihr Bestes, trotz den Bomben ein normales Leben zu führen. Die Armee zeigt sich überall und massiv, auch in unserer Nachbarschaft. Dort wohnt der Herr Premierminister Siniora. Das ist nicht unbedingt ein beruhigendes Gefühl. Denn man erzählt sich, er sei einer der nächsten Personen auf der Liste jener, die mit einem Bombenattentat beglückt werden.
Nach der letzten Explosion in der Nähe der Beiruter Vergnügungsmeile haben das lokale Gastgewerbe und das Ministerium für Tourismus eine Kampagne gestartet, in Zusammenarbeit mit Smart. „Reviving Mono Street“ wird dem Partyvolk zugerufen. Es soll den Terroristen die Stirn zu bieten und sich nicht einfach wegen ein paar Bomben vertreiben lassen. Wer es wagt, die Partystrasse aufzusuchen, dem winkt ein Preis: Es gibt einen Smart zu gewinnen. Wie nett.
Gepostet von kalb 16:49:41 27.09.2005;
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celebrity cruise zenith
Tag 3: Fit werden à la libanaise
La Corniche. So nennt man im Libanon Strandpromenaden. Die Corniche von Beirut ist besonders lang, und sie macht eine Kurve, in der ein Leuchtturm steht. Auch ist sie mit Beachclubs gesäumt, in denen man im Salzwasserpool baden und Fruchtsäfte laben kann.
Am Promenieren ist vor allem abends viel Volk, doch selbst in der brütenden Hitze lohnt sich ein Abstecher zum Meerweg, weil sich dort manche Beiruter fit halten. Schliesslich zollen auch die Libanesen dem Fastfood ihren Tribut.
Dazu joggen sie oben ohne in der schwülen Seeluft, manchmal auch rückwärts, die Knie rhythmisch hochziehend, und ihre leicht verspeckten Arme lassen sie dazu wie Hampelmänner in alle Richtungen wirbeln, dass es eine Freude ist. Auf einem kriegszerschossenen Bänklein sitzend, sieht man daneben Jungs auf den Riffs stehen. Sie fischen geduldig, während draussen auf dem Wasser ein Jetskifahrer gegen Müdigkeit und Langeweile kämpft.
Gepostet von kalb 15:43:57 28.09.2005;
Tag 4: Fröhlich in Touristenfallen treten
Beirut. Beim Hotel Intercontinental trifft man auf Achmed. Er ist ein rüstiger Rentner und lauert dort auf frische, ortsunkundige Ankömmlinge, die ihren Besuch gerne mit einem Strandspaziergang starten. Achmed kommt auf dich zu und grüsst dich freundlich, nur um dir ein unverbindliches Angebot zu machen. Eine einstündige Stadtrundfahrt in seinem alten Mercedes-Taxi zum Super-Studenten-Discount-Preis von läppischen 20 Dollar. Dazu verspricht er sehr gute Informationen, die im Preis inbegriffen sind, und zeigt eine Beige Visitenkarten als Referenzen: All deine Vorgänger, die in seiner Falle gelandet sind und mit Achmed Freundschaft geschlossen haben.
Seine wertvollen Informationen bestehen hauptsächlich daraus, dass er im Vorbeifahren ständig links auf zerstörte und rechts auf neue Häuser zeigt, mit den Worten: „This being rebuilt. This one not being rebuilt. See the design? This being rebuilt, take a look! This one not...”.
Zum Schluss der Fahrt fällt beim Rad ein Teil ab, was uns ein überholender Verkehrsteilnehmer freundlich mitteilt. Das ist die Ende der Rundfahrt. Ich muss etwas früher aussteigen, und gehe fröhlich von Dannen.
Gepostet von kalb 16:55:58 29.09.2005;
Tag 5: Beim heiligen Joseph persönlich
Wer in Beirut arabisch lernen will, der findet im Internet möglicherweise nur den Kurs „Université St. Joseph“. Den Kursort dann auch in Beirut selbst zu finden, ist allerdings noch schwieriger. Das Taxi lässt einem beim College „St. Joseph“ raus, einer Primarschule in Achrafieh, ein rechtes Stück entfernt von der Universität mit dem gleichen Namenpatron.
Ein erstes Mal verloren in den heissen Hängen der Stadt, versuche ich die Schule anzurufen. Und siehe da, am Telefon meldet sich der Heilige Joseph persönlich! Er stellt sich mehrmals vor, damit sicher kein Zweifel über seine Identität bestehe und wünscht mit ein herzliches Willkomm auf Erden. Darüber hinaus ist der Heilige Joseph jedoch nicht gestimmt, mir den Weg zu seiner Universität zu erklären. Nicht umsonst nennen ihn die Welschen „le plus con de l’histoire“, oder den heimlich Gehörnten.
Ohne Hilfe des Heiligen Josephs finde ich schliesslich die Uni St. Joseph, aber nur um herauszufinden, dass der Sprachkurs sich in einem anderen Gebäude befindet, ein paar Kilometer entfernt.
Der Kurs selbst schliesslich entspricht mir dann auch nicht, da ich leider kein Wort verstehe und es den Studenten verboten ist, Notizen zu machen.
Also suche ich mir eine bessere Schule. Doch mehr dazu gleich.
Gepostet von kalb 14:13:18 30.09.2005;
Tag 6: Vom Hupen und Hornen
Einen kleinen, runden, aber recht tiefen Eindruck haben meine beiden Trommelfelle erhalten. Das hat mit dem libanesischen Hang zum Hupen zu tun, dem die Autofahrer gerne huldigen. Die Taxifahrer in ihren rund 30-jaehringen, bunten Mercedes hupen bei jedem Fussgänger auf dem Trottoir, um Kundschaft aufzuladen. Dabei haben die, die ein Taxi wollen, eigentlich nur auf die Strasse zu stehen, es kommt immer eins vorbei.
Im libanesischen Verkehrswesen gibt es aber auch für Private immer mal wieder einen guten Grund, aufs Horn zu drücken. Sei es, um einem von rechts oder links einbiegenden Wagen anzuzeigen, dass man keineswegs gewillt ist, ihm den Vortritt zu lassen. (Eine allgemeine Vortrittsregel gibt es nicht, Drängler und Huper haben Vortritt). Oder einfach aus Unmut, da man trotz stärkerem Auto weder rechts noch links Platz zum Überholen hat.
A propos Überholen: Die Bergstrassen im Schuf sind so schön breit, dass man das beliebte Doppelüberholen pflegen kann: Man wird während des Überholens eines lahmen Karrens von zwei oder drei anderen Autos überholt.
Ich fahre hier also nicht selber, auch als Beifahrer genügen mir die Eindrücke meines Herzens in den Hosen. Besonders erwähnenswert bezüglich der libanesischen Autobahnen wären noch folgende Features: U-Turns bei Lücken in den Leitplanken und inoffizielle, “wilde” Ein- und Ausfahrten; Maisverkaufsstände auf dem Pannenstreifen; Fussgänger, welche sechs Spuren Überqueren; sowie Reinigungspersonal der Firma “Sukleen”, nachts zu Fuss mit Abfallzange und Sack im Tunnel.
Bevor der Verkehrsexkurs zu lang wird, möchte ich mit einer Note zum Hupen abschliessen: Anhänger von den diversen politischen Führern, bzw. konfessionellen Kriegsherren pflegen vor angekündigten Amnestien ihres Idols mit Fahnen und Hupkonzerten durch die Strassen zu rasen. Die Libanonfahne mit der Zeder ist dabei bei allen Gruppen dieselbe. Am Rhythmus des Hupsignals kann der geneigte Hörer jedoch erkennen, ob die Bande nun für General Aun oder Dr. Geagea hupt. Letzterer, ein Meuchler aus den Buergerkriegsjahren, wird am Dienstag nach 11 Jahren Gefängnis freigelassen. Möge das ohne grosse Erschütterungen geschehen.
Unterdessen sind wir noch ein Stück weiter gefahren und treffen in Saida einn. Plötzlich, vor einer Baustelle, stehen mitten auf der Strasse Leute in Rotkreuzwesten. Nanu, ein Unfall? Nein. Die Leute veranstalten nur gerade eine Sammlung für ihr Hilfswerk, mitten auf der Autobahn.
Gepostet von kalb 00:50:30 01.10.2005;
Kommentare (1):
jack nicolson - genius!!!
Tag 7: Frische Fussspuren zum Probieren
Wenn es Archäologen gibt, die sich mit den Spuren der Fauna des zeitgenössischen Beirut beschäftigen, so möchte ich bei denen ein Praktikum machen. Unerschöpflich sind die wissenschaftlichen Reservoire, welche hinter den Fussabdrücken verborgen sind, die sich im Beton von sämtlichen Trottoiren der libanesischen Hauptstadt finden. Da könnte man eine hübsche kleine Fusswerk-Soziologie der einheimischen Bevölkerung schreiben. Wo ist die grosszügige Bildungsanstalt, welche diese dringende Forschung finanziert?
Oder möchten die Damen und Herren der Forschung vielleicht lieber die Sitten in den Läden der Welt erforschen.
Ganz im Gegensatz zu der Reserviertheit in mitteleuropäischen Kleinläden pflegen die Gäste von Beiruter Imbissbuden nicht zuerst Guten Tag zu sagen. Stattdessen probieren sie einfach mal ein Häppchen, oder auch ein paar, bevor sie sich für eine kleine Verköstigung entscheiden. Wer könnte da schon widerstehen, bei diesem prachtvollen Angebot von Häppchen auf der Theke?
Gepostet von kalb 17:25:29 11.10.2005;
Tag 8: wichtige Sätze und kulinarische Grundsätze
Ngana hat Glück. Sein Lehrer ist ein dicker Libanese, dessen Magen eben operativ eingeschnürt wurde. Eigentlich dürfte der Tutor deshalb nur wenig Flüssiges essen. Doch seine Schüler müssen ja auch bedient werden, das verlangt die Gastfreundlichkeit.
So offeriert der Lehrer ihnen, wie es sich gehört, kleine Leckerbissen und Süssigkeiten. Und solang der Doktor nicht zuschaut, gönnt er sich auch ein paar Häppchen. Nganas Glück dabei ist, dass er verköstigt wird und dabei Sätze lernt wie. „Deine Früchte sind sehr teuer und nicht frisch.“ Genau das also, was man einem Gemüsehändler als erstes sagen möchte.
Dabei wäre es viel angebrachter, Lobensworte für die libanesische Küche zu lernen. Wie man es auch aus anderen Mittelmeerländern kennt, füllt man hier den Tisch mit Tellerchen und Schalen voller Fleisch, dickflüssigen Dips, Saucen, Pasten, Knabbereien und Gemüse. Dazu wird Fladenbrot serviert. Darin rollt man nach Belieben Speisen mit lustigen Namen wie Kafta, Lachmeh oder Humus. Das libanesische Tabulé übrigens enthält kein Couscous, sondern hat als Hauptbestandteil stattdessen Peterli.
Fast alle libanesischen Köstlichkeiten gibts auch an jeder Strassenecke im Sandwich. Das ist eigentlich das, was man in der Schweiz als Kebab mit Fladenbrot kennt, nur eben mit unendlich verschiedenen Inhalten. Und als Getränk empfiehlt der Chef dazu einen Mangosaft. Oder ein Pepsi. Dieses amerikanische Süssgetränk ist hier leider weiter verbreitet als das originale rote Konkurrenzprodukt. Immerhin werden die Colafabriken nicht mehr boykottiert, wie einst. Der Grund: Sie handelten auch mit dem Erzfeind Israel.
Gepostet von kalb 00:54:20 12.10.2005;
Tag 9: Arabisch lernen, leicht gemacht
Leider ist mein Sprachverständnis bis jetzt noch praktisch ganz unbeeindruckt. So sehr ich mich bemühe, die Einheimischen zu verstehen, das Libanesisch geht mir kaum ins Ohr. Immer wieder lausche ich entrückt den geheimnisvollen Gurgel- und Zischlauten und frage mich, ob die wirklich kommunizieren oder ob sie vielleicht doch nur zum Spass und zwecks Verwirrung dummer Ausländer dadaistische Konversationen führen. Mein Unverständnis mag auch damit zusammenhängen, dass in Beirut sehr viele Leute etwas Englisch und Französisch sprechen. Und auch wenn das manchmal auch sehr wenig ist, ist es immer noch mehr als mein Arabisch.
Die erste auf arabisch an mich gerichtete Frage ist jedenfalls stets dieselbe: Woher kommst du? Und obwohl ich die Wörter kenne, auch die arabische Antwort wüsste und auch weiss, dass eben diese Frage gestellt wurde (bevor sie dann auf Englisch wiederholt wird), schaffe ich es oft nur zu einem Stirnrunzeln als Replik. Nun, ich habe ja noch eine Woche Studium, bevor ich mich dann vorwage in rein arabisch sprechende Gefilde.
Gepostet von kalb 09:30:22 13.10.2005;
Tag 10: Stolze Träger von Nasenpflastern
Was macht der wohlhabende Weltenbürger, der bereits über einen dicken Hummer verfügt, mit dem er brummend durchs Land fährt, mit dem Rest seiner flüssigen Mittel? Er will sich vielleicht eine neue Nase machen lassen, was im libanesischen Lande schick ist.
In Beirut befinden sich reihenweise Kliniken, welche die gewünschte Nasenarbeit prompt und zuverlässig erledigen. Niemand käme auf die Idee, die Verschönerung heimlich weit weg machen zu lassen. Nein, das weisse Nasenpflaster wird stolz zur Schau gestellt. Man zeigt es beim Shoppen in der Stadt und im Ausgang. Schliesslich sollen alle wissen, dass man es sich leisten kann, sich eine neue Nase ins Gesicht zu pflanzen.
Gepostet von kalb 15:33:11 16.10.2005;
Kommentare (450):
Stupsnase gefällig????
Unter "Nase" im Bedeutungswörterduden sind interessante Nasenideen zu holen. Wenigstens die Grundtypen!
Gepostet von ceze 10:22:57 25.10.2005;
wer's nicht hat, kann's leicht bekommen
Beirut ist die Hauptstadt der gefakten Brüste. Zuerst dachte ich, es handele sich nur um ein genetisches Phänomen, aber dann ........
Gepostet von mussiba 03:21:04 10.02.2006;
Tag 11: Kleine Taxometerkunde, harte Dollars wert
In Beirut sieht man sofort, woher die deutsche Automarke mit spanischem Frauennamen ihren Ruf hat. Mercedes machte einmal tatsächlich die besten Autos der Welt: Sie kurven auch nach 30 Jahren immer noch zuverlässig durch die Stadt. Die schmucken Farben der Wagen sind ein Spiegel der goldenen Beiruter Zeiten, der 60er und 70er.
Die Fahrer sind so stolz, dass sie dauernd hupen, auch wenn kein potentieller Kunde am Strassenrand steht.
Die Fahrt ist verhältnismässig günstig, wenn man das Zauberwort und seinen Zielort kennt.
Niemals soll man als Tourist aber ein Taxi nehmen. „Taxi“ bedeutet hier nämlich soviel wie „zahl 10 mal mehr“. Das Zauberwort heisst „Service“, und bezeichnet die Dienstleistung, einem für eine läppische Tausendernote ans andere Ende der Stadt zu chauffieren. Allerdings muss es auf dem Weg des Fahrers sein, und wenns ihm nicht passt, darf er ohne Kommentar einfach weiterfahren, nach einer kurzen, trockenen Kopfabwendung. Ausserdem dürfen unterwegs beliebig viele Leute zusteigen, und die Servicedienstleistung beinhaltet auch nicht, vor der Haustüre abgeladen zu werden. Die Regeln sind also ganz einfach und praktisch.
Ruft aber ein Taxifahrer dem unwissenden Touristen „Taxi“ zu, will er abzocken. Dann ist einsteigen verboten. Denn obwohl es sich um das gleiche alte Auto mit dem gleichen alten Fahrer handelt, wirds teuer.
Persönlich habe ich den Unterschied auf die harte Tour gelernt. Ein Tourigeier ruft dir Taxi zu, und du steigst ein – nur für ein paar hundert Meter - denkst du, weils ja fast nichts kostet und du einen schweren Sack hast. Denkste. Der Fahrer, der Geld gerochen hat und dich nicht versteht, will dich zwar zum Internetcafe bringen. Leider hat er eins am anderen Ende der Stadt im Kopf, aber er weiss den Weg dorthin gar nicht so genau. Er fährt trotzdem los, muss ein paar Mal halten unterwegs, um an Tankstellen oder bei Passanten nach dem Weg zu fragen. Du sitzt ein bisschen machtlos daneben, gelähmt durch die Beschränktheit deiner Sprachkenntnisse und fasziniert vom kriegstraumatisierten Geifern des Fahrers und seinen Narben im Gesicht. Schliesslich hält er doch, mittlerweile am Stadtrand angelangt, tatsächlich vor einer Internettür. Vom entnervten Passagier will er nun viele, harte Dollars. Guten Rat gibts auch nicht billiger. Wütend, weil man sich wieder erwischen liess und so bald verarmt, zahlt man das Lehrgeld – hoffentlich zum letzten Mal.
Gepostet von kalb 14:27:37 17.10.2005;
Tag 12: Schwul sein im Schuf
Schwule gibt es in ganz Arabien keine. Deshalb ist Homosexualität dort auch verboten. Oder ist es umgekehrt? Vielleicht gibt es auch keine Schwule, weil der Staat es schliesslich verbietet.
Jedenfalls sind offenbar nicht alle gehorsam, was ihre sexuelle Orientierung betrifft. Ich hatte das Vergnügen, bei einem Schwulen aus dem Schuf in dessen Beiruter WG zu hausen. Nennen wir in Nidal. Er verbrachte seine knappe Freizeit mehrheitlich im Ausgang und verzichtete zudem auf die wenigen Stunden Schlaf, die ihm blieben. Er guckte lieber täglich mehrere Folgen der kanadischen Schwulen-TV-Serie „queer as folks“. Das ist so eine Art „Verliebt in Berlin“, nur sind alle Protagonisten schwul oder lesbisch. Sehr gut gemacht, übrigens, die Serie. Die dramatisch inszenierten Gefühlslagen reissen einem mit, auch wenn es sich um die Dilemmen von sexuell Andersgesinnten handelt. Und ausserdem hatten wir sonst kein Fernsehen im Haus – nur diese „queer as folk“-dvds. Weniger empfehlen würde ich Männern den Besuch der Beiruter Schwulendisco „Acid“. Ich wurde da hingeschleppt und bin zwischen 3 und 4 Uhr morgens vor dem Eingang
sauer eingeknickt. Ich vertrug die harten Drinks, lauten Beats und lüsternen
Knabenblicke nicht ganz. Discotanzen ohne Frauen finde ich ohne Sinn und Zweck. Da vermochte mich auch der Unterhaltungswert des Bauchtanzes der örtlichen Startunte auf der Bar nicht lange wach zu halten. Seither schimpft mich Nidal einen Homophoben. Ist es so schlimm?
Gepostet von kalb 14:29:02 17.10.2005;
Kommentare (2):
ein bisschen schon
Liebes Kalb,
du musst dich nicht rechtfertigen, dass du "Queer as folks"-süchtig geworden bist. Ich weiss ja, dass du bei den Sexszenen stets die Augen geschlossen hast.
Gepostet von Besi 12:33:56 09.02.2006;
Tag 13: Mussas Märchenschloss
Es war einmal ein kleiner Bub im Schuf, der hiess Mussa. Er träumte davon in einem Schloss zu wohnen. Nun war Mussa aber arm, und arme Leute wohnen selten in Schlössern. Deshalb hatte der Lehrer des Buben gar keine Freude an Mussas Traumschlössern. Besonders, weil er davon ständig in der Schule erzählte und versuchte, so die hübsche Sayideh zu beeindrucken. Das Frustrationspotential der Lehrerschaft scheint schon im Libanon des frühen 20. Jahrhunderts gross gewesen zu sein. Denn als der kleine Mussa eines Tages wieder sein Luftschloss in den schönsten Farben auf ein Papier malte und es zwecks Imponierung Sayideh reichte, da packte den Lehrer eine grosse Wut. Er zerriss die Zeichnung und prügelte den Träumer Mussa grün und blau. Mussa aber las die Fötzel sorgfältig vom Boden auf und verliess das Klassenzimmer für immer – mit gebrochenen Rippen zwar, aber mit ungebrochenem Stolz. Zuhause klebte er die Zettel wieder zusammen und träumte weiter. An dieser Stelle sollten wir die Erzählung etwas beschleunigen, sonst dauert das Märchen ewig. Nützlich wäre auch eine dramaturgische Wendung zur Steigerung der Spannung. Denn es kommt noch dicker. Mussa wuchs auf und wurde ein Mann, aber er hörte nicht auf, von seinem Schloss zu träumen. Und weil er etwas fixiert war auf das blöde Schloss, begann er es eines Tages auch zu bauen. Mit eigenen Händen, Stein für Stein. Und heute steht es immer noch. Ein Monument der libanesischen Version des amerikanischen Traumes. Dutzende von Touristen besuchen es jeden Tag. Im Innern hat es Schatzkammern und Geheimgänge und auch ein Schulzimmer, inklusive einer mechanischen Nachbildung des tobenden Lehrers, der die Eröffnung des Schlosses leider nicht mehr erlebte. Wer Glück hat, der trifft vor dem Eingang auf der Schlossbrücke auf Mussa persönlich. Aus seinen Augen strahlt immer noch die kindische Freude, es dem Lehrer und der ganzen Welt gezeigt zu haben. Er predigt „You can get it if you really want“ zu den libanesischen Buben, die von ihren Eltern zu Mussas Schloss getragen werden. Ob es sich bei der glücklichen Schlossherrin neben Mussa auf den Postkarten um Saydeh handelt, ist nicht überliefert.
Gepostet von kalb 22:34:36 19.10.2005;
Tag 14: Traurige Taubentäuber
In Beirut sind Tauben keine Plage, sondern eine Zier. Jeden Abend, wenn die Sommertemperaturen in der libanesischen Hauptstadt langsam tragbar werden und die Sonne verschwindet, erfreut sich der Pigeon Spotter kreisender Schwärme. Die Tauben kreisen nicht einfach zum Spass. Es handelt sich um Trainingsflüge, kontrolliert und überwacht von einem Taubenmann auf einem der Hochhausdächer.
Zum Beispiel Kamal Abdel Rochman Schatila, der letzte Taubenmann seiner Familie. Jeden Abend setzt er sich in seinen Stuhl auf dem Dach, zusammen mit seinen Brüdern, und lässt die jungen Tauben steigen. Wenn man mit ihm spricht, hat man ständig das Gefühl, er sei abwesend, weil sein Blick immer in den Himmel zeigt. Denn darum geht es bei seinem Hobby, die Tauben kreisen sehen. Wenn sie nicht landen sollen, dann pfeift er seinen Pfiff oder fuchtelt mit einem Vogelscheuche-Stecken in der Luft herum. Wenn die Flugstunde um ist, hält sein Bruder ein Weibchen in die Luft, und die Tauben setzen zur Landung an. Im kühleren Winter unternehmen die Tauben längere Ausflüge, und kommen manchmal tagelang nicht zurück, fliegen bis an die Landesgrenzen und darüber hinaus. „Die Guten aber kommen immer zurück“, sagt Kamal Schaila.
Gar nichts hält er von Taubenglocken, mit dem andere Täuber ihre Vögel schmücken, um das Flugspektakel akustisch aufzupeppen. Und auch der Streit um Tauben, die auf fremden Dächern landen, statt nach Hause zu kommen, scheint an ihm abzuperlen: „Die, die nicht zurück kommen, waren es nicht wert.“
In Syrien und im Norden Libanons sollen Wettkämpfe stattfinden, wo sich konkurrenzierende Täuber messen. Die Schwärme der Wettkämpfer vermischen sich in der Luft, und wer mit seinem Weibchen danach am meisten Tauben wieder zu sich locken kann, hat gewonnen. Zugeflogene Tauben darf er behalten, selbst wenn sie einem anderen gehören. Dass weder sein Sohn noch sein Enkel das Hobby weiterführen wird, das stimmt Kamal manchmal etwas traurig. Doch in einer Zeit, wo die Zeit so knapp ist, ist das allabendliche Tauben kreisen lassen zu einem Luxushobby geworden.
Gepostet von kalb 13:29:37 22.10.2005;
Tag 15: Hat jemand eine Palästinenserfrage?
Ist es ein Zufall, dass man zwar immer wieder von der Palästinenserfrage hört, von der Palästinenser-Antwort jedoch sehr selten die Rede ist?
Auch Englischsprechende wissen: The final settlement of the Israeli-palastinien conflict is a question of settlements. Vielleicht dreht sich darum seit Jahrzehnten alles im Kreis. Doch die Tatsache, dass die Frage sehr schwer beantwortbar scheint, soll uns nicht dazu verleiten, uns nur zynisch mit ihr zu beschäftigen.
Im Libanon leben nach Zahlen des UNRWA rund 400'000 PalästinenserInnen, gut die Hälfte davon wohnt in den 16 offiziellen Flüchtlingslagern des Landes. Das Verhältnis zwischen Libanesen und Palästinensern ist seit dem Bürgerkrieg sehr gespannt. Die Palästinenser im Libanon leiden vor allem unter dem prekären Flüchtlingsstatus. Damit ist den Palästinensern die Ausübung der meisten Berufe (und allen einträglichen) verboten, und ohne einen Pass mit den damit verbundenen Bürgerrechten ist das Leben erschwert. Sie leben unter sich, mehr schlecht als recht, als kleiner Staat im Staat.
Nach den politischen Umwälzungen des Jahres 2005 haben auch die Palästinenser im Libanon wieder Hoffnung geschöpft, dass sich ihre Situation verbessere. Nichtregierungsorganisationen kämpfen schon lange für eine Verbesserung der Situation. Nun spüren sie erstmals seit langem ein Tauwetter: Die Liste der für Palästinenser im Libanon verbotenen Berufe wurde vom neuen Parlament gekürzt. Doch Bassam Hubeichi, Sprecher der palästinensischen Menschenrechtsorganisation P.H.R.O. bleibt skeptisch: „Bis jetzt haben wir nur Worte gehört; geändert hat sich noch nichts.“ Hubeichis Organisation kämpft dafür, dass die Palästinenser die libanesische Staatsbürgerschaft erhalten. „Der Pass würde unser Leben erleichtern“, sagt Hubeichi. Er selbst kann im Libanon alleine keine Wohnung mieten, obwohl er im Land geboren ist und mit einer Libanesin verheiratet ist. Selbst seine 11jährige Tochter wurde als „Flüchtling“ geboren, obwohl ihr Grossvater erst ein Kind war, als seine Familie von ihrem Land im heutigen Israel vertrieben wurde. Hubeichi hat seiner Tochter das Land gezeigt. Vom Süden Libanons kann man den Streifen ennet der Grenze sehen. Es sei schöner dort als im Libanon, meinte das Mädchen. Doch es lebt im Libanon, seine Schule und seine Freunde sind in Beirut. Und trotzdem hat es hier kaum Rechte.
Die Vergangenheit lastet auf der Beziehung zwischen Libanesen und Palästinensern. Die Massaker durch libanesische Milizen in zwei Beiruter Palästinenser-lagern 1982 sind für die Palästinenser noch immer ein Trauma. Libanon fürchtet seinerseits palästinensische Provokationen gegenüber Israel. Viele Lager sind ein quasi rechtsfreier Raum, in der die libanesische Polizei nichts zu sagen hat. In den Lagern werden grosse Waffenlager vermutet, was immer wieder zu Streitigkeiten und staatlichen Schikanen führt.
Die Rückkehr der palästinensischen „Flüchtlinge“ in das Land, von wo ihre Grosseltern vertrieben wurden, scheint weiter entfernt als je. Der Traum wird zwar von Generation zu Generation weiter gegeben. Doch es scheint mehr ein mythischer Glauben zu sein als eine reelle Chance.
Bassam Hubeichis Vorstellung ist ein einziges, grosses Land, in dem Palästinenser und Israeli friedlich zusammen leben. Diese Einstaatenlösung ist allerdings auf der politischen Agenda der bestimmenden Staaten nicht weit oben zu finden. In der Zwischenzeit kämpft die P.H.R.O. dafür, die Lebensbedingungen der Palästinenser im Libanon zu verbessern. Denn hier müssen sie schliesslich leben.
Gepostet von kalb 16:25:33 01.11.2005;
Tag 16: Im Zweistromland
Keine Angst, ich war nicht da. Und doch: Natürlich wird üblicherweise der Irak oder dessen historische Vorläufernation als Zweistromland bezeichnet, aber auch im Libanon gibt es zwei Ströme, beziehungsweise zwei Stromnetze.
Deren Hüter und neuer libanesische Energieminister ist erstmals ein Vertreter der Hisbollah. Die Hisbollah ist die schiitische, pro-iranische Widerstandsorganisation im Libanon. Das hat insofern einen Bezug zum Zweistromland, weil die Hisbollah im Süden des Landes regelmässig Strom vom öffentlichen Netz abzapft. Ein Fünftel des produzierten Stroms wird so nach lokalen Zeitungsangaben gestohlen, was für hohe Stromrechnungen und regelmässige Ausfälle sorgt.
Weise haben sie nun also dem weiss bebarteten Hisbollah-Minister das heikle Stromdossier gegeben. Fast wie einst in der Schweiz der konservative Joseph Zemp für die Radikalen die Eisenbahn verstaatlichen musste. Man merke: Politisch unlösbare Dossiers überträgt man zur Verwirklichung am besten einem Exponenten der Opposition, den man in die Regierung hievt. In der Schweiz hat es seinerseits geklappt. Mal gucken, ob es im Libanon auch funktioniert.
Gepostet von kalb 08:29:09 02.11.2005;
Tag 17: Lessons in Gastfreundschaft
Man möchte das auch mal in der Schweiz tun. An einem Sonntag in der Stadt zwei fremde Touristen ansprechen. Die beiden gratis auf den Pilatus bringen, wo sie sowieso hinwollten. Aber weil man jemanden an der Kasse kennt und auch grad hinauf wollte, lädt man sie ein. Man möchte sie dann auf dem Berg zum Kaffee einladen und ihnen alle Berge zeigen. Mit ihnen zurück in die Stadt fahren und sie noch aufs Schiff mitnehmen. In Weggis aussteigen und mit den beiden unangemeldet bei einer Tante vorbei gehen, die ihnen aus der Küche einen Tisch voll selbst gekochter, einheimischer Spezialitäten auftischt. Den Nachbarjungen heissen, die Fremden zur Begrüssung abzuküssen. Mit den beiden Touristen über die Schweizer Lokalpolitik, örtliche Familienfehden sowie den Drogenhandel reden. Sie fragen, was sie auf ihrem Tag in Luzern noch sehen möchten und sie dann wieder auf ihren Bus führen. Ihnen eine gute Weiterreise wünschen und auch wieder heimgehen. In Baalbeck, wo die Überreste des weltgrössten Jupitertempels stehen, kann dem Gast solches Glück zustossen. Ja, es ist uns passiert. Und es gibt keinen Haken. Kein Betrug, keine Finte, einfach pure, grosszügige Gastfreundschaft. Perfekt zelebriert. Grossartig. Danke, Jad.
Gepostet von kalb 00:19:57 03.11.2005;
Tag 18: Eselsbrücken im Libanon
Lustig ist das Arabischlernen. Ein Kalb ist ein Hund. Eine Maus ist eine Banane. Man isst also Mäuse, und bei zwei gelben Mäusen redet man von Mauseen. Eine Banane im Wasser wäre dann wohl eine Maymaus. Schuh heisst was. Ein Schuhkran ist ein Dankeschön, ein Schuhfick aber ein baldiges Wiedersehen. Schuhfack Bukra heisst „bis morgen“, frei übersetzt auch „what the fuck tommorrow“.
Fakät, allerdings, das heisst nichts schlimmes, sondern nur „nur“. Ganz einfach hat es Aladin: eine Lampe ist eine Lampe. Ausländer sind und haben meist Äschnäbi. Musch Muschkä - oder ganz problemfrei auch Misch Muschkä - heisst kein Problem. Geht man aber zum Gemüsestand und sagt misch misch, so will man nicht nix nix, sondern Aprikosen.
„La, Haram“ sage ich dagegen, wenn jemand fragt, ob ich denn ein Harem hätte.
Es gibt auch ein paar einfache Wörter: Ein Doktor ist ein Doktor, ein Hemd ist eine Schemise, und ein Velo ist ein Biziklett. Links ist der Weg schmal und rechts riecht er fast ein wenig nach Jasmin. Kann einer nur den Bass spielen, dann sagt er „bass bass“. Wenn Jum ein Name wäre, würde er jeden Tag (kill Jum) um sein Leben fürchten. Tanita Tikaram heisst vielleicht in Wahrheit „Bunny Bitte“, wer weiss. Möglicherweise hat sie auch ein typisches Mummkinn, denn nichts ist hier unmöglich, in Beirut oder in Schalla. Nun aber Challas, wirklich challas! Und wers nicht glaubt, dem sag ich es trotzdem: alle Frauen heissen hier Martha. Will man aber ein Grosses bestellen, sofern überhaupt Bier serviert wird, so sagt man „Kä Bier!“
Der Bruder ist sowieso ein Chei(b). A propos Namen: libanesische Namen haben vornehmlich für Spanier lustige Bedeutungen, so heissen die beiden Lehrerinnenschwestern Rana und Nada. Umgekehrt geht der Namensspass auch. Ephrem heisst auf libanesisch (Auto)bremse. Und die Sabine gehört im Libanon zu den Schwierigen.
Wenn mir jemand was Hübsches zum Geburtstag schenken möchte, so würde ich mich sehr über ein arabisches Namenslexikon mit den Bedeutungen aller Namen freuen. Dafür gäbe es vielleicht einen Bus, sicher aber ein busbus.
Gepostet von kalb 11:05:47 04.11.2005;

Die letzten zwei libanesischen Tageberichte hatten hier leider nicht mehr Platz. Ist ja auch ein bisschen gar viel Text. Sie sind andernorts versteckt.




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